Die Mikroökonomie des Pembaners
Heisse Diskussionen in Radio, Fernsehen und auf der Strasse: der Brotpreis in Mosambik wurde erhöht: von 1 auf 1.5 Metical für die kleine Semmel (Paozinho). 1.5MZM sind umgerechnet ca. 4 eurocent. Der Nährwert eines Paozinhos ist - wiewohl lecker - vielleicht ein Viertel der österreichischen Semmel. Grund genug, einen Blick auf die Mikroökonomie der mosambikanischen Kernfamilie zu werfen.
Joao Paulo und Virginia Lucia Normalverbraucher Mendonca leben in ihrer eigenen Lehmhütte im Bairro. Er ist 24, sie 21, sie haben nur 2 Kinder. JP hat Arbeit; er arbeitet 30 Tage im Monat und bekommt dafür 50MZM am Tag (gesetzlicher Arbeiterlohn). Beide sind gesund, frei von HIV und Antialkoholiker. Sie leben von ihrem Einkommen & müssen niemanden unterstützen.
Zum Leben brauchen sie: ca. 25MZM am Tag für Essen (10 für Matapa, 10 für Reis, 1 für Holzkohle, 4 für Brot), ca. 10 für Getränke/Zucker (z.B. zwei kleine Cola), 2 um Wasser zu kaufen (sie haben Glück und ihr Brunnen ist nur 100m weit weg), 15 für Strom (Kühlschrank, Radio, Wasserkocher, 2 Glühbirnen - kein Herd, TV etc.) und 1 für Seife. D.h. ihre Mindestkosten betragen 53MZM. Das ist ein tägliches Defizit von 3MZM.
Einige Konsequenzen:
- Kaum jemand kann alleine leben. Fast jeder braucht die Unterstützung seiner erweiterten Familie. Wenn man diese braucht, muss man sich auch gefallen lassen, dass sie für einen entscheidet. Individualismus ist hier also kaum lebbar. Darum macht auch kaum jemand ein Geschäft auf oder versucht, Karriere zu machen. Das Geld müsste er/sie sowieso abliefern.
- Da das Überleben alles Geld auffrisst, bleibt kaum was für Schulausbildung. Diese kostet: Uniform, Bücher, etc. Indem die Kinder keine Ausbildung bekommen, sind sie dazu verdammt, wiederum wie ihre Eltern ohne Perspektive zu leben.
- Ohne Ausbildung neigt der Mensch dazu, alles Geld, was er glücklicherweise doch irgendwie bekommt, für "Sinnloses" auszugeben (Moped, Disco, Alkohol, etc. - man vergleiche dazu etwa "Kleiner Mann, was nun?" von Hans Fallada oder die Bücher von B. Traven). D.h. er gräbt sich noch tiefer in seinem Unglück ein.
- Flucht - egal wie - aus dieser "Hölle unter Palmen" wird für viele verlockend.
Bemerkungen:
- Es ist nicht wahrscheinlich, dass JP wirklich Arbeit hat. Die Arbeitslosigkeit wird auf 80% geschätzt. D.h. mit einer Wahrscheinlichkeit von 64% haben beide Partner kein Einkommen und sind auf die erweiterte Familie (den Clan) angewiesen.
- Es ist nicht realistisch, dass beide Partner immer gesund sind: Malaria und viele andere Krankheiten sind allgegenwärtig. Wenn JP krank ist, kann er nicht arbeiten und verliert seinen Tageslohn. Ist er längere Zeit krank, verliert er seine Stelle. Es gibt keine Arbeitslosenversicherung.
- Es ist nicht realistisch, dass beide Partner frei von HIV sind. Die AIDS-Rate wird auf 20-50% der Erwachsenen geschätzt. Zudem haben viele Männer eine "Casa Pequena" (so nennt man das hier, glaube ich; wörtlich Kleines Haus = Freundin), was die Ansteckungswahrscheinlichkeit weiter erhöht.
- Es ist nicht wahrscheinlich, dass JP und VL tatsächlich nur 2 Kinder haben. Viele Kinder sind Prestige und Verhütung kein local Habit.
- Wenn JP Arbeit hat, muss er ziemlich sicher einen Teil seines Geldes an den Clan abliefern - als Sozialhilfe für die arbeitslosen Mitglieder.
- Es ist nicht wahrscheinlich, dass JP nicht trinkt. Viele Mosambikaner sind leidenschaftliche Alkoholiker. Die Gründe sind wohl die üblichen: sozialer Druck, Realitätsflucht, Schmerzen etc.
- Die angegebenen Rationen sind minimal. Auf lange Sicht braucht der Mensch mehr, um gesund zu bleiben. Insbesondere, wenn er wie JP hart arbeiten muss.
- Wenn JP - realistischerweise - gern mal ein Bierchen trinkt, hie und da eine Freundin hat, sich dabei ansteckt - dann bekommt alles seine Familie ab: seine Frau hat kein Geld, wird vermutlich ebenfalls angesteckt, vielleicht auch die noch kommenden Kinder, usw.
So in etwa ist die Situation.



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